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Die griechischen Ärzte hatten sehr konkrete Vorstellungen, nicht nur von der Verdauung, die uns hier interessiert. Es waren allerdings nur Vorstellungen, obwohl die Griechen die ersten waren, die begannen, den Aberglauben an magische Kräfte abzuschütteln, und aufhörten, die Ursachen für Krankheiten in übernatürlichen Erscheinungen zu suchen. Worauf sie zu Recht stolz waren.
Nicht nur die gesamte abendländische Kultur fußt auf dem alten Griechenland. Gerade die Medizin tut es. Man sieht es an der modernen Terminologie, ohne die griechische Medizin würde es die heutige in dieser Form nicht geben. Die Vorstellungen, die in dieser Zeit geprägt wurden, haben recht lange in den Köpfen der Ärzte überdauert, manchmal bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Da war zum Beispiel Empedokles von Agrigent, er formulierte im fünften vorchristlichen Jahrhundert den Gedanken, die Nahrung werde im Körper durch Fäulnis umgewandelt. Eine der frühsten Vorstellungen von der Verdauung überhaupt. Empedokles war wohl auch, genau weiß man es nicht, der Urheber der Theorie der vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Damit wurden die Theorien früherer Philosophen, die sich um ein einziges, fundamentales Element rankten, ersetzt. Diese vier Elemente sollten durch die Kombination der vier Grundqualitäten heiß, trocken, feucht und kalt entstehen. Der nächste Schritt war dann die Zuordnung der Körpersäfte zu diesen Qualitäten: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Diese Säfte sollten im Herz, im Gehirn, in der Leber und in der Milz entspringen.
Diese Lehre hatte ihren Reiz. Gesund war derjenige, bei dem sich die Körpersäfte im Gleichgewicht befanden, krank derjenige, bei dem sie aus der Balance geraten waren. Die gesamte ärztliche Therapie orientierte sich an diesem Muster, die Maßnahmen hatten immer das Ziel, die Säftemasse wieder ins Gleichgewicht zu bringen, überschüssige oder verdorbene Säfte abzuleiten. Wenn diätische Maßnahmen allein nicht halfen, wobei in die Diät die gesamte Lebensführung einbezogen war, wurde geschröpft und zur Ader gelassen, oder man verabreichte entsprechende Arzneien, Abführ- oder Brechmittel. Diese Theorie wurde nach der Weiterentwicklung durch Hippokrates und Galen, die beiden berühmten antiken Ärzte, zur beherrschenden medizinischen Lehre des Mittelalters und wirkte lange darüber hinaus. Sie war populär, weil sie einfach war.
Menschen haben ein Faible für einfache Erklärungen. Und es war nicht das letzte Mal, daß einer Theorie ihre Einfachheit zu einem durchschlagenden Erfolg verholfen hat.

Ob Hippokrates, der Altvater der Medizin, der um 460 v. Chr. auf der Insel Kos geboren wurde, das Pankreas kannte, ist nicht ganz klar. Albrecht von Haller, den mancher Leser vielleicht eher als einen Lieblingsdichter der deutschen Aufklärung denn als Anatomen oder Physiologen kennt, glaubte, eine Stelle in der unechten hippokratischen Schrift Über die Drüsen auf die Bauchspeicheldrüse beziehen zu können. Haller kannte sich aus in der Literatur der Alten wie in der seiner Zeitgenossen, nicht zu Unrecht wird er als letzter Universalgelehrter Europas angesehen. Gesichert ist seine Interpretation dennoch nicht.
Der Name pan kreas, was soviel heißt wie ganz aus Fleisch, ist aus der hippokratischen Vorstellung abzuleiten, daß alle Drüsen des Körpers eben ganz aus Fleisch seien. Weil die Griechen die Bauchspeicheldrüse so zu sagen als Inbegriff eines drüsigen Organs ansahen, einen ansehnlichen dazu, wurde sie von Galen das schöne Fleisch genannt. Warum von allen Drüsen des menschlichen Körpers ausgerechnet diese jenen allgemeinen Namen behalten hat - vielleicht ist es auf diese Ansicht zurückzuführen.
Um dieses Organ, das sich recht versteckt in der Bauchhöhle um die Nachbarorgane herumwindet, näher kennen zu lernen, war es nötig, die Kunst der Zergliederung, Anatomie zu betreiben. Tote zu zerschneiden war nun aber für die Alten durchaus nicht an der Tagesordnung. Aristoteles, der als Begründer der vergleichenden Anatomie gilt, begnügte sich wie viele andere nach ihm mit dem Aufschneiden von Tieren. Die ersten Anatomen, die menschliche Leichen systematisch untersuchten, waren Herophilos und Erasistratos im dritten vorchristlichen Jahrhundert. Beide beschrieben das Pankreas.
Das war erst der Anfang. Die Sektionen waren ein Tabubruch, der in einer historischen Ausnahmesituation möglich war. Mit dem Tode von Herophilos und Erasistratos endete die Zeit des Aufschneidens von menschlichen Leichnamen, meist waren es verurteilte Rechtsbrecher, ohne daß diese Praxis von den Griechen in dieser Form wieder aufgenommen worden wäre.
Wenn auch das Pankreas zu jener Zeit nicht gerade im Mittelpunkt des Interesses stand, brachten schon die Alten fertig, was in späterer Zeit oft passierte: sie konnten sich herrlich streiten. Besonders Herophilos und Eudemus stritten sich. Ersterem verdanken wir übrigens, neben vielen anderen noch heute verwendeten anatomischen Fachbegriffen, die Bezeichnung Duodenum, Zwölffingerdarm. Von letzterem ist die bemerkenswerte Annahme überliefert, es fließe aus ihr [der Bauchspeicheldrüse] eine dem Speichel ähnliche und zur Beförderung der Verdauung bestimmte Flüssigkeit in den Darmcanal.1 
Wie das mit überlieferten Annahmen so ist, nichts Genaues weiß man nicht. Wenn Eudemus diese Vermutung wirklich hatte, war er seinen Berufsgenossen, die erst 1800 Jahre später in die Nähe dieser Erkenntnis kamen, um einiges voraus. Leider steht es mit dem Streit als solchem ähnlich. Worüber sie konkret gestritten haben, ist nicht überliefert.

Es ist an der Zeit, Galen auftreten zu lassen, eine, wenn man so will, durchaus zwielichtige Figur in der Geschichte der Medizin. Galen betrat die Bühne in der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts. Auf ihn hatte der Streit um die rätselhafte Drüse einer eher abschreckende Wirkung, er schrieb: über diese Drüsen besteht unter den Anatomen eine nicht geringe Streitfrage, die von Herophilus und Eudemus ausgieng; deshalb glaube ich gut zu handeln, wenn ich hier meine Auseinandersetzung beende.2
Ganz war es damit allerdings nicht getan. Wenn man sich in diese Zeit hineindenkt, mit all ihren Skrupeln, den menschlichen Körper näher, das heißt von innen zu begutachten, mit dem erst beginnenden Wissen, den ersten Ahnungen vom Bau und von den Funktionen des menschlichen Körpers, fällt es nicht schwer, die Entstehung einer folgenreichen Annahme nachzuvollziehen, die sehr lange alle Ansichten über das Pankreas dominieren sollte. Aristoteles hatte das Pankreas aufgrund seiner Lage im Bauchraum für ein Organ gehalten, das lediglich die Aufgabe habe, benachbarte Gefäße zu schützen. Galen drückte das deutlicher aus:
Da also die Vene, Arterie, der Nerv und mit ihnen ein viertes Gefäss, das die Galle enthält, dort zusammenkommen, so ist klar, dass dort auch notwendig der Beginn ihrer Teilung sein muss. Freilich sind alle Gefässe, wo sie sich teilen, leicht verletzbar, so dass, wenn eines von ihnen wegen einer heftigen Bewegung schaden litte, dies dort der Fall sei, wo sie sich teilen. Deshalb bedurfte dieser Ort eines besonderen Schutzes, wodurch die einzelnen Gefässe, die sich in ihm vorfinden und sich teilen, geschützt werden. Die Natur hat darum gar weise einen drüsenartigen Körper, den wir Pankreas nennen, gebildet, unterlegt, im Kreise um Alle geordnet und die leeren Räume ausgefüllt, damit nicht leicht eines reisse oder ohne Stütze sei. Denn da sie nun auf einem weichen und leichtnachgiebigen Körper ruhen, so bleiben sie, wenn sie durch eine heftige Bewegung erschüttert werden, [...] selbst unverletzt und unbeschädigt.3
Diese wenigen Zeilen sind beinahe alles, was Galen über das Pankreas geäußert hat, aus dem Streit der Anatomen hatte er sich ja herausgehalten. Das schien ihm die sinnvollste Erklärung für die Funktion des Pankreas zu sein, einleuchtend. Das ließ keine Fragen offen.

Galen, der nach seinen Lehr- und Wanderjahren unter anderem als Gladiatorenarzt in seiner Geburtsstadt Pergamon seine Brötchen verdiente, bevor er in Rom eine florierende Praxis errichtete, erwarb sich mit seinen sehr zahlreichen Schriften einen Ruhm, der in seiner Wirkung auf nachfolgende Generationen kaum vorstellbar, geschweige denn nachvollziehbar ist. Galen war nicht nur ein hervorragender Anatom und Physiologe, ein glänzender Experimentator. Galen war vor allem ein Sammler, ein Enzyklopädist, ein Systematiker. Einer, der Ordnung in die vielen verschiedenen Ausrichtungen der griechischen Medizin brachte. Gerade dies macht einen großen Teil seiner späteren Wirkung aus.
Derjenige, der die medizinische Schulmeinung der nächsten Jahrhunderte maßgeblich beeinflußte, auf den sich alle beriefen, hatte selbst niemals einen Menschen seziert. Seine Erkenntnisse stammten sämtlichst aus Sektionen von Affen und Schweinen, einmal soll er gar einen Elefanten zergliedert haben. Alles so gewonnene Wissen wurde vom tierischen Körper auf den menschlichen übertragen, ein Verfahren, das fehlerfrei nicht abgehen konnte. Er beschränkte sich nicht auf Schlußfolgerungen aus dem, was er im Experiment herausgefunden oder bei anatomischen Studien entdeckt hatte, sondern ergänzte seine Physiologie auf dem Wege der Spekulation.
Galen gilt trotzdem als wissenschaftlicher Begründer der älteren Heilkunde. Und er war selbstbewußt: Hippokrates hat für die Medizin die Bahn gebrochen, ich aber habe sie geebnet und, wie Kaiser Trajan die Heerstraßen im römischen Reiche, erst gangbar gemacht.4  Galen war für die nächsten 1400 Jahre die Richtschnur, an der entlang sich die Medizin entwickelte. Sofern man dabei von Entwicklung sprechen kann.
Das sagt sich leicht. Es ist schwer zu entscheiden, ob es der Ruhm des großen Arztes war, der die Berufsgenossen über Jahrhunderte ehrfürchtig erschauern ließ, oder ob es die konservative Zeit des Mittelalters war, in der eine Autorität wie die des Pergameners nur zu gelegen kam. Eine befriedigende Erklärung ist bis jetzt nicht gegeben worden - aber ich kann mich täuschen. Eine einzige Erklärung gibt es nicht, es ist vielmehr ein Bündel von Ursachen, die dazu geführt haben. Stephen d'Irsay hat es so ausgedrückt: die mittelalterliche Medizin hatte ihren Mittelpunkt nicht in Laboratorien oder Krankenhäusern, sondern in Bibliotheken.5 
Das sagt nichts aus über die Bibliotheken, jedoch viel über ihre Benutzer.
Rückblickend ist die Wirkung Galens oft verklärt worden, der große Grieche galt als Erschaffer eines ganzen, alles enthaltenden Systems der Anatomie und Heilkunde, nichts Neues sollte mehr dazu und davon kommen können.6  Mancher sprach später von einem Banne, der jahrhundertelang auf der gesamten Medizin gelegen habe, von Fesseln, die erst gesprengt werden mußten. Als hätte der schon lange zu Staub zerfallene Arzt höchstselbst seine nachfolgenden Kollegen am eigenständigen Denken gehindert.
Man sollte es nicht Galen anlasten, daß sich anderthalb Jahrtausende jeder Arzt, der etwas auf sich hielt, auf seine Lehren berief. Galen war kein Traditionalist. Er stützte sich auf Erfahrung und Experimente und verglich die Ergebnisse mit denen seiner Vorgänger. Er hätte vermutlich seine Freude daran gehabt, wenn es Nachfolger gegeben hätte, die es ihm darin gleich getan hätten.

Was die Verdauung angeht, unterschied er als erster drei Verdauungsstadien, die Magenverdauung (Chymosis), die Dünndarmverdauung (Chylosis) und zuletzt die Verarbeitung des Chylus durch die Leber, die seit Galen als blutbildendes Organ angesehen wurde. Das war im Grunde eine sehr fortschrittliche Anschauung. Die Auffassung vom Pankreas als Polsterkissen für benachbarte Organe und Gefäße machte jedoch Fortschritte in der Erforschung dieser Drüse für lange Zeit unmöglich. Keiner wäre in der Folgezeit nur entfernt auf die Idee gekommen, das Pankreas könnte eventuell einen anderen Sinn haben, als ein paar Hohlräume im Bauchraum auszufüllen.

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