Die Polstertheorie erwies sich als äußerst resistent. Inzwischen sollte das Pankreas nicht bloß Gefäße und Nachbarorgane schützen, es sollte nach Vesal dem Magen eine Stütze sein, manche hielten die Drüse gar für ein Kissen gegenüber der harten Wirbelsäule.
Solange der Kissenglaube nicht fiel, war mit neuen Einsichten in Sinn und Funktion des Pankreas nicht zu rechnen.
Man muß vorsichtig sein, hinterher ist man immer schlauer. Aber der erste, der diese Interpretationen in Frage stellte, tat dies mit einer so klaren, nüchternen Bemerkung, daß man schon ins Grübeln kommen kann, wieso nicht viel eher jemand darauf gekommen ist.
Gabriele Falloppia war derjenige, der gegen Vesals Meinung einwendete: Wenn dies wahr wäre, dann wäre dieses Organ völlig unnütz bei den Tieren, die geneigt einhergehen, da das Pankreas bei ihnen über dem Magen und nicht unter demselben liegt.14 Falloppia hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Fast. Denn dummerweise haben seine Zeitgenossen das nicht unbedingt genauso gesehen. Außerdem, wenn denn nicht Magenstütze, so konnte das Pankreas trotzdem weiterhin als Schutzorgan für dort liegende Gefäße und die Nachbarorgane gelten. Überhaupt hat dieser Gedanke nicht gerade Furore gemacht, die meisten Späteren erwähnen Falloppia in einem Atemzug mit anderen Anatomen, die sich angeblich kaum oder gar nicht zum Pankreas geäußert hätten. Im Falle Falloppias ist das leider gar nicht erstaunlich, denn seine Meinung über die wahre Bestimmung des Organs stellte sich lediglich als neuerliche Polstertheorie heraus. Er glaubte, dass es einen eingegrabenen Kanal hat, durch welchen jene wichtige Vene, die von der Leber zur Milz führt, sicher getragen werde. Jener wird es nämlich wie ein Kissen untergeschoben und gegen alles, was sie zusammendrücken könnte, geschützt.15
Schon wieder ein Kissen. Immerhin, Falloppia hatte etwas genauer hingeschaut als seine Vorgänger. Das von ihm beschriebene Gefäß mag es gar nicht geben, mit einem aber hatte er recht: es gibt tatsächlich eine Reihe von Gefäßen, die alle in Rinnen der Drüse eingelagert sind.
Das war 1561. Von einem Durchbruch keine Spur. Es sollte weitere achtzig Jahre dauern, bis endlich die entscheidende Entdeckung gemacht wurde.
Zwischendurch bewegten ganz andere Dinge die Gemüter. Vor allem William Harvey, der mit seiner Erklärung des Blutkreislaufs, Exercitatio de motu cordis 1628 für Aufruhr sorgte.
Das war nun wirklich eine Sensation. Das war mit den bisherigen, recht bescheidenen, kleinen Berichtigungen an der Galenschen Lehre nicht mehr zu vergleichen, es stellte alles auf den Kopf.
Galen hatte sich vorgestellt, das Blut würde ständig aus der Nahrung, vielmehr aus dem Chylus, in der Leber neu gebildet. Daß das Blut statt dessen sich ständig im Kreise durch den Körper bewegt, mit einer ziemlich rasanten Geschwindigkeit, das ließ sich nur sehr schwer mit der Vier-Säfte-Lehre und den daraus abgeleiteten Therapieformen vereinbaren. Die Vorstellung, man könne durch Aderlässe die krankmachenden Säfte vom Krankheitsherd wegziehen, war absurd geworden. Im Gegenteil, jetzt wäre es konsequent gewesen anzunehmen, daß Aderlässe den Körper unnötig schwächen, statt ihn gesund zu machen.
Harvey hat eine ganze Weile mit der Ignoranz seiner Zeitgenossen kämpfen müssen, bis der letzte einsehen mußte, daß es mit dem Blutkreislauf seine Richtigkeit hat. Rund 30 Jahre hat es gedauert, bis seine Kreislauflehre allgemein anerkannt war. Das hinderte freilich bis weit ins 19. Jahrhundert kaum einen Arzt daran, weiter Aderlässe durchzuführen, ein guter Grund dafür ließ sich immer finden.
Zurück zur Bauchspeicheldrüse. Hier kam ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Es wurde endlich etwas gefunden, was niemand gesucht oder nur vermutet hätte.
Der Schauplatz ist Padua, eine Forscher-Wohngemeinschaft.
Padua war zu dieser Zeit ein bedeutendes wissenschaftliches Zentrum, die Universität war schon 1222 gegründet worden. Die meisten Forscher, die bisher aufgetreten sind, haben in Padua gelernt, gelehrt oder beides. Vesal, Falloppia, alle waren sie in Padua gewesen.
Wir schreiben das Jahr 1641. Moritz Hofmann, ein junger Student der Anatomie, gerade einmal 19 Jahre alt, übte sich in Padua in der Kunst der Zergliederung, genauer gesagt, er zerschnitt totes Federvieh. Man hat eine reichliche Auswahl, wenn es darum geht, was für ein Tier er in dieser Angelegenheit seziert hat, vom wälschen Hahn über einen indischen, indianischen Hahn bis hin zum Truthahn. Auf letzteres kann man sich einigen, man kann sich dann etwas darunter vorstellen.
Hofmann fand etwas sehr Erstaunliches. Ein großes Gefäß, eine Art Gang mitten im Pankreas.
Dieser Gang ist, zumindest wenn man nicht weiß, daß es ihn gibt, schwer zu entdecken. Das Pankreas liegt direkt am Zwölffingerdarm an, der besagte Gang führt wie eine Achse durch die Drüse hindurch und mündet, wo sie am Zwölffingerdarm anliegt, eben dort hinein. Das heißt, anders als bei der Gallenblase und dem Gallengang ist diese Röhre hier auf den ersten Blick überhaupt nicht zu sehen, weil sie vollständig im Inneren des Organs verläuft.
Hofmann konnte mit seiner Entdeckung nicht viel anfangen. Aber es gab eine naheliegende Erklärung. Gaspare Aselli hatte einige Jahre zuvor die Darm-Lymphgefäße entdeckt, er hatte beobachten können, wie bei einem Hund, der vorher eine reichlich Fett enthaltende Mahlzeit bekommen hatte, diese Gefäße einen trüben, fettreichen Saft, den Chylus enthielten. Dies hatte sogleich zu einer neuen Pankreas-Theorie geführt. Aufgrund der Lage der Drüse hielt Aselli sie nun für eine Art Schwamm, sie sollte den Chylus, den milchigen Nahrungssaft aus dem Darm aufsaugen und dann zur Milz und Leber weiterleiten, wo aus ihm dann nach Galens Theorie das Blut gebildet würde. Der Irrtum lag darin, daß er diese Chylusgefäße in die Leber münden ließ, weil er die aus der Leber hervortretenden Lymphgefäße für Fortsetzungen dieser Chylusgefäße hielt.
So weit, diesen Irrtum aufzuklären, war man noch nicht. Hofmann zumindest hielt den Gang dieser Theorie entsprechend nur für ein besonders großes Chylusgefäß. Das Pankreas war vom Kissen zum Schwamm mutiert. Eine naheliegende Entwicklung, wenn man's recht bedenkt.
Sicher war Hofmann wohl doch nicht, er zog nämlich seinen Freund und Hausgenossen Johann Georg Wirsüng zu Rate, dessen Gast er war, und zeigte ihm, was er gefunden hatte.
Wirsüng - den eindringlichen Hinweis, daß er so heißt und nicht etwa Wirsung, verdanken wir einem vielseitigen Zahnarzt, Alfred Max Schirmer, der 1893 mit seiner Dissertation über die Geschichte und Anatomie des Pankreas einen hervorragenden Beitrag geliefert hat - war älter, er hatte 1630 in Padua promoviert und arbeitete seitdem als Professor der Anatomie und Prosektor, was soviel ist wie ein privilegierter Gehilfe, von Johann Vesling. Nachdem ihm sein Mitbewohner den Fund gezeigt hatte, machte sich der Bayer sofort ans Werk und suchte diesen rätselhaften Gang beim Menschen. Und er fand ihn.
Das war ein Jahr später, 1642. Wirsüng hat als erster den Ausführungsgang des Pankreas beim Menschen beschrieben und abbilden lassen, ebenso seine Einmündung in den Zwölffingerdarm. Auch entdeckte er manchmal einen zweiten Ausführungsgang - das wird später eine wichtige Rolle spielen.
Wirsüng konnte, wie sein jüngerer Freund, diese Entdeckung nicht deuten. Mit allen bisher geäußerten Ansichten und Vorstellungen über das Pankreas ließ sich dieser Fund absolut nicht in Einklang bringen. In seiner Not wandte sich Wirsüng an seinen ehemaligen Lehrer in Paris, Jean Riolan den Jüngeren, einen der angesehensten Anatomen seiner Zeit und streitbaren Verfechter der Galenschen Lehren. Wirsüng schrieb ihm am 7. Juli 1643: Mit dem genannten Gange, dessen Abbildung beiliegt, verhält es sich also: Die Oeffnung oder Anfang, wenn man den Anfang da setzen darf, wo sich der grössere Stamm befindet, liegt bemerkenswert im Duodenum neben dem Gallengange. Die Sonde kann man vom Darme aus gegen das Pankreas nur schwer, von diesem aber zum Darme leicht einführen und geht durch die Mitte des ganzen Pankreas, der Länge nach gegen die Milz hin, hat unzählige Verästelungen und endlich ganz kleine Zweiglein bis an die Wand hin, oberhalb, unten und unterhalb der Milzgefässe, schickt von sich durch das Pankreas selbst geschlängelte aus, tritt aber nicht in die Milz ein. Zuweilen habe ich sowohl beim Menschen, als bei Tieren einen doppelten gefunden, einen kurzen am gewöhnlichen Orte und einenlangen etwas tiefer. [...] Soll ich ihn Arterie oder Vene nennen? Blut fand ich nie in demselben, sondern einen trüben Saft, der auf die silberne Sonde wie eine ätzende Flüssigkeit wirkte. Dies ist Thatsache; aber da ich nicht weiss, was er ist und welchen Nutzen und Thätigkeit er hat, so unterwerfe ich es demütig Deiner Prüfung und Deinem Urteil [...].16
Wirsüng konnte sich keinen Reim darauf machen. Dabei hatte er das Wichtigste entdeckt. Der Gang enthielt kein Blut, sondern einen anderen Saft. Einen, der so aggressiv wirkt, daß er seine kleine Silbersonde angriff wie eine ätzende Flüssigkeit. Und diese wurde aller Wahrscheinlichkeit nach aus Richtung des Pankreas in den Zwölffingerdarm befördert, nicht umgekehrt, wie es bei der Schwamm-Theorie angenommen worden war, die Gegenrichtung war ja offensichtlich versperrt. Die Lösung lag denkbar nahe.
Doch Wirsüngs alter Lehrer dachte gar nicht daran, angesichts dieser Neuigkeiten die bisher angenommene Rolle des Pankreas für die angeblich blutbildende Leber zu überdenken. Er vertrat die Auffassung Asellis, das Pankreas wirke als Filter für den Chylus, dieser würde dort vor seiner Weiterleitung in die Leber gereinigt. Immerhin gestand er zu, es müsse ein Irrtum sein, wenn man das Pankreas bloß für eine Stütze des Magens oder der Gefäße hielt.
Anderthalb Monate später war Wirsüng tot. Einem Meuchelmord zum Opfer gefallen. Spät abends, es war der 22. August 1643, stand er an der Tür seines Hauses und unterhielt sich mit seinen Mitbewohnern, wie er es oft tat. Dort wurde er von Jakob Cambier - wie es heißt aus Privatrache - mit einem Karabiner erschossen. Ich sterbe, o Cambier, o Cambier. Die letzten Worte des 54jährigen.17
Es sollte aber niemand hier etwa einen Zusammenhang zwischen seiner wissenschaftlichen Entdeckung und seiner Ermordung vermuten. Zumindest wird in allen Quellen sehr geflissentlich betont, daß dem nicht so sei.
Trotzdem hatte diese Entdeckung ein unfeines Nachspiel. Wirsüng war schließlich erst durch Hofmann darauf gekommen, den Gang beim Menschen zu suchen, und der junge Student war nicht sehr einverstanden damit, daß der Ruhm für die Entdeckung Wirsüng allein zukommen sollte. Allerdings hatte Hofmann seine Truthahn-Fundsache erst Jahre nach Wirsüngs Tod veröffentlicht und ebenso spät darauf hingewiesen, daß doch er es gewesen sei, der Wirsüng den Gang gezeigt habe. Als Professor in Altdorf soll er jedem seiner Schüler einen Taler versprochen haben, wenn er den Ductus pancreaticus statt nach Wirsüng nach ihm benennen würde.18
Er hat sich nicht durchsetzen können. Heute wird der pankreatische Ausführungsgang Ductus Wirsungianus genannt. Dennoch war die Entdeckung eine Gemeinschaftsleistung, bei der ein Student, ein Doktor - und der Zufall beteiligt waren.
Auch wenn sich danach eine Weile die seltsamsten Anschauungen über das Pankreas halten konnten: das Interesse an diesem Organ war enorm gestiegen. Und die neuen Erkenntnisse regten die Phantasie an.