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Physiologie im Wohnzimmer

Einem Würzburger Arzt, Johann Nepomuk Eberle, ließ dies alles keine Ruhe. Seine Verehrung galt den beiden deutschen Forschern, keine Frage. Aber zufrieden konnte er mit den bisherigen Ergebnissen nicht sein. Er wollte endlich Ordnung in die Verdauungslehre bringen, die es dank der vielen ungeklärten Widersprüche immer noch nicht gab. Am besten wären allgemein anwendbare Gesetzmäßigkeiten.
Er beklagte das diplomatische laisser faire der Franzosen: da die französische Akademie in dieser Angelegenheit die Pflichten ihres Schiedsrichter-Amtes [...] nicht erfüllt hat, so bleibt folglich demjenigen, welcher sich eine klare Einsicht in der Hergang der Verdauung verschaffen will, wohl nichts Anderes übrig, als sich durch Wiederholung der controversen Versuche selbst von der Wahrheit und Falschheit der Einen oder Andern zu überzeugen.35
Eine tragische Figur, nicht nur, weil er 1834, im Erscheinungsjahr seiner 400seitigen Physiologie der Verdauung, im Alter von 36 Jahren früh gestorben ist. Von seinen Zeitgenossen wurde er nur wenig beachtet, von späteren Rezipienten grob mißverstanden. Unterschätzt und überschätzt, beides gleichermaßen.
Ein Selfmademan, der kein großes Laboratorium zur Verfügung hatte und keine Assistentenregimenter, der sich seine geliebten - und kostspieligen - Chemikalien, auf deren Echtheit Alles ankömmt,36 selbst beschaffen mußte, genauso wie sauberes Wasser und alles, was man sonst so braucht für ein Heimlabor. Einerseits war er frech und unvoreingenommen, neugierig im besten Sinne, er scheute sich nicht, die Ansichten eines Haller als Irrtum zu bezeichnen, wenn sie mit seinen Versuchsergebnissen nicht übereinstimmten. Andererseits dem deutschen Team unbedingt ergeben, die Ergebnisse Tiedemanns und Gmelins standen für ihn im Großen und Ganzen außerhalb jeder Kritik. Er war vor allem eines, was ein Forscher niemals sein sollte: sehr voreilig.
Er gab zu, wenn er für dieses oder jenes keine Erklärung parat hatte. Er füllte die Lücken nicht mit Spekulationen, wenn er Vermutungen hatte, machte er sie als solche deutlich. Aber er war von einer Selbstsicherheit, die es ihm unmöglich machte, an seinen Versuchsergebnissen und den daraus gezogenen Schlüssen zu zweifeln.
Ein Anhänger des Faches Chemie. Die Methoden schienen so klar zu sein. Exakte Wissenschaft. Deshalb erlag er einem Phänomen, dem später viele erliegen sollten. Er verlegte die Verdauung komplett ins Reagenzglas, er führte die künstliche Chymifikation ein.
Sein Hauptverdienst und seine größte Fehlerquelle. Denn er machte es nicht wie Spallanzani, der das natürliche Magensekret außerhalb des Körpers auf Nahrungsmittel einwirken ließ. Eberle stellte als erster die Verdauungssäfte - und zwar fast alle: die des Magens, des Pankreas und des Darmes - künstlich her. Nicht ganz künstlich, im Wortsinne, denn er benutzte als Grundstoff die entsprechenden tierischen Organe dafür.
Eberle trat an, die Physiologie der Verdauung in Ordnung zu bringen.

Seine Grundidee war die, daß man, wenn man die Bestandteile eines Sekretes kennt, dieses künstlich herstellen könne, es müsse dann eben so wirken wie der natürliche Verdauungssaft.
Man wußte inzwischen von der Salzsäure im Magen; Eberle stellte fest, daß allein die Säure keine Umwandlung der Nahrung zuwege bringt. Tiedemann und Gmelin hatten ihrerseits die alten Ergebnisse Reaumurs und Spallanzanis bestätigt, der von der Magenschleimhaut abgesonderte Saft wandelte die Nahrung auf chemischem Wege in eine breiige, flüssigere Masse um.
Weil Eberle fand, daß der tierische Magensaft weniger gut wirkt, als wenn man die Nahrung in eine Magenschleimhaut einwickelt, schätzte er die Bedeutung der Schleimhaut sehr hoch ein. Er löste also den Schleim in Wasser, und der so verdünnte 'Magensaft' löste hervorragend Eiweiße auf.
Sein Gedankengang hinsichtlich der Bedeutung des Schleimes endete mit der Feststellung, daß der Mukus bei der Chymifikation, und der damit verbundenen Umänderung der Nahrungsmittel eine Hauptrolle spielt, und daß ohne ihn weder die Säuren, noch die übrigen, im Magensafte enthaltenen Stoffe fähig sind, die Nahrungs-Substanzen zu chymifizieren.37
In der Folge produzierte er künstlichen - haltbaren - Magenschleim. Er nahm sich Labmägen von Kälbern vor, löste die Schleimhaut von der Magenwand, wusch sie gründlich aus und trocknete sie an der Luft. Wenn er jetzt Magenschleim für seine Versuche brauchte, löste er das getrocknete Material wieder in Wasser auf und fügte Säure hinzu. Aus dieser Flüssigkeit ließ sich dann durch Alkohol eine Masse ausziehen, die sich verhielt wie natürlicher Magenschleim.
Am Ende stand die Annahme, der Magenschleim sei nichts anderes als die durch Säuren zersetzte Schleimhaut des Magens.38 Der Magensaft wäre dann einfach weiter verdünnter Magenschleim. Dieser wirke, auch der künstliche, hervorragend auf die Nahrungsmittel ein.
Wie diese Wirkung vor sich geht und worin sie besteht, darüber konnte Eberle keine Auskunft geben. Er hielt die Magenverdauung für einen allgemeinen Prozeß der Erweichung und Auflösung der Nahrung, er schränkte ihre Wirksamkeit nicht auf bestimmte Nahrungsmittel ein.39 

Folgerichtig wendete sich Eberle nun dem Pankreassekret zu. Wie erwähnt, die Bestandteile des Sekrets waren zu dieser Zeit, so weit es ging, ermittelt - die Wirkung des Saftes war es noch nicht. Eberle stellte fest, die Bestandteile der Drüse und des Sekrets seien exakt die gleichen, und das gab den Anlaß für einen Analogieschluß: der pankreatische Saft solle sich zur Drüse verhalten wie der Magensaft zur Magenschleimhaut. Er setzte voraus, daß, da die Magensaftsäuren die Schleimhaut des Magens in künstlichen Magensaft verwandelt haben, das essigsaure und salzsaure Alkali auch das Parenchym der pankreatischen Drüse in künstlichen pankreatischen Saft verwandle.40 
Eberle machte sich ans Werk, behandelte Pankreasdrüsen durchaus grob mit diversen Chemikalien, verdünnte und filtrierte, was das Zeug hielt, und untersuchte die entstehenden Flüssigkeiten. Mit den begrenzten Methoden der damaligen Zeit konnte er bestätigen, die Inhaltsstoffe seines künstlichen und die des natürlichen Pankreassaftes seien genau die gleichen.
Voilà. Es schien geglückt. Pankreassaft konnte endlich künstlich hergestellt werden, enthielt er doch - die Anwendung des häuslichen Chemiebaukastens hatte es glasklar erwiesen - die Bestandteile, die der natürliche enthielt. Sensation. Nie mehr würden die komplizierten Operationen, nie mehr das Anlegen und Unterhalten von Fisteln nötig sein, die Unannehmlichkeiten, die zuvor so viele Bearbeiter abgeschreckt hatten. Überhaupt, wie bequem, man hatte das natürliche Pankreassekret einfach gar nicht mehr nötig, um seine Wirkung zu studieren.
Das war ein folgenschwerer Trugschluß. Über die Eigenschaften des natürlichen Saftes bestand noch keine Klarheit, und trotzdem bezweifelte Eberle keine Sekunde, daß er an seinem Pankreasgebräu feststellen könnte, worin dessen Wirkung auf die Nahrung besteht. Er konnte nicht überprüfen, ob sein künstlicher Saft wirkt wie der echte, weil man eben diese Wirkung gar nicht kannte.

Nichts wäre falscher als anzunehmen, Eberle habe als erster verstanden, daß das Pankreassekret auf alle drei Nahrungskategorien, Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate, wirkt. Und doch konnte es so aussehen. Seine verschiedenen Verfahren, aus dem Pankreas einen Auszug, ein Infus herzustellen, waren durchaus geeignet, die Wirkungen des Sekrets zu beobachten. Und er machte die entsprechenden Beobachtungen. Er ordnete sie nur falsch zu, das aber gründlich.
Ein aus getrocknetem Ochsenpankreas, das Eberle mit Wasser und etwas Säure behandelt hatte, hergestelltes Gemisch machte ihm große Probleme. Er konnte den Brei zwar durch ein Tuch auspressen, doch das Filtrieren des Ausgepreßten war kaum möglich. Setzt man dem Gemische etwas Hühnereiweiß zu, so scheint es schnell flüssiger zu werden, und geht jetzt auch sehr leicht durch Druckpapier [...].41 Wie wahr. Nur fragte sich Eberle nicht, ob das vielleicht etwas mit der Drüsensubstanz zu tun haben könnte. Wieso auch, er war ja gerade erst dabei, einen handhabbaren Saft herzustellen, der sich bloß hartnäckig weigerte, durch das Filter zu gehen. Er brachte es fertig, die Beobachtung, daß dieses Mischmasch flüssiger wurde, auf das Hühnereiweiß zu schieben, statt auf die Drüsensubstanz, die tatsächlich dafür verantwortlich war.
In den folgenden Versuchen ließ er nicht allein sein künstliches Pankreassekret auf den Chymus wirken, sondern vermischte ihn zuvor mit Galle. Immerhin, die hatte er nicht selbst hergestellt. Den Speisebrei endlich, auf den er seine Flüssigkeiten einwirken ließ, hatte er - selbstverständlich - ebenfalls selber gemacht, mit seinem künstlichen Magenschleim.

Eberle war so fasziniert von seinen künstlichen Verdauungssäften, war so überzeugt von ihnen, daß er sich einbildete, er könne so die Verdauung nachstellen, ohne sich noch um die physiologischen Verhältnisse im Körper kümmern zu müssen. Man gebe die Nahrungsmittel mit dem künstlichen Mukus zusammen, schütte etwas Galle und etwas künstlichen Pankreassaft dazu, und fertig ist die künstliche Chymifikation. Was jeder einzelne Verdauungssaft bewirkt, war auf diese Weise bestimmt nicht herauszufinden.
Das Chaos war perfekt. Und die Ergebnisse entsprechend verwirrend. Eberle mußte erstmal seine Gedanken sortieren. Stärke hatte sich offenbar in diesem Gemisch verändert, sie hatte einen zuckersüßen Geschmack angenommen.42 Der pankreatische Saft, vielleicht die Galle, förderte anscheinend die Umwandlung der Stärke.43  Wieder - wie schon beim Hühnereiweiß - eine richtige Beobachtung, wenn man die Galle fortläßt, und wieder ordnete er sie nicht dem Pankreassekret zu, denn wenig später heißt es: das Amylum wurde durch die künstliche pankreatische Flüssigkeit nicht mehr weiter verändert, als es durch den künstlichen Magensaft schon verändert worden war.44 Eberle konnte die Wirkungen seiner versammelten künstlichen Verdauungssäfte nicht mehr auseinanderhalten.
Nur eine Eigenschaft, nämlich Fett in sehr fein zertheiltem Zustande aufzunehmen, und damit eine Art Emulsion zu bilden,45 die schrieb Eberle dem pankreatischen Saft zu. Als erster, das soll hier ausdrücklich betont sein.

Es verwundert nicht, daß Eberles Erkenntnisse über den Pankreassaft nicht sehr weit über die seiner Vorgänger hinausreichten. Er ging, als treuer Anhänger von Tiedemann und Gmelin, von einem sauren Pankreassekret aus, er glaubte, daß es zur Verdünnung der Galle beitrage, und schließlich wirke der Saft auflösend und verflüssigend auf die Nahrungsmittel ein, wobei er fähig sei, Fett aufzunehmen, zu emulgieren und so dem Chylus zuzuführen.
Eberle sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die Hauptbestimmung der Verdauungssäfte bliebe die Beimischung zum Alimente, und die Auflösung und Verflüssigung desselben. Ist aber durch die Verflüssigung der Nahrungsstoffe eine Umänderung gegeben, so ist diese mehr zufällig, eine blose Neben-Bestimmung [...].46 
Die Veränderung der Stärke betrachtete der wissenschaftlich so engagierte Mann als Zufall. Auf die des Eiweißes ging er gar nicht mehr ein. Eine Umwandlung der Nahrung in andere organische Stoffe bezeichnete er mehrfach als zweifelhaft oder unwahrscheinlich, als nicht nachweisbar. Der pankreatische Saft werde dem flüssigen einsaugungsfähigen Darm-Inhalte blos beigemischt [...], um durch andernwärtige Prozesse die Verähnlichung der Nahrungs-Stoffe zu bewirken.47 

Eberle wies des öfteren auf die begrenzten Möglichkeiten der organischen Chemie hin. Diese Grenzen waren für die Fachleute sichtbar, man wußte, es war noch nicht alles ausgeschöpft. Ein bißchen rechtfertigte er sich auf diese Weise, als habe er vorausgeahnt, woran seine Untersuchungen krankten. Mit seiner künstlichen Chymifikation hatte er in dieser Form weit über das Ziel hinausgeschossen.
Der Einfall, die wirksamen Stoffe aus dem Pankreas wie aus dem Magen herauszuziehen, der geht letztlich auf seine Pionierarbeit über die künstliche Chymifikation zurück. Es sollten bald andere kommen, diese Verfahren zu verfeinern.
Und außerdem: ein aufmerksamer Leser seines Wälzers konnte hier die richtigen Ansätze finden. Eberle hatte ja alle Wirkungen des Pankreassaftes beschrieben, bloß hatte er nur eine richtig gedeutet.

Der Physiologe Johannes Müller, ein Zeitgenosse Magendies und dessen deutsches Pendant, bemerkte klug über die Grenzen des Experimentierens: Die Natur in ihrer Not - auf der Folter des Experiments - wird immer eine Antwort geben, wenngleich eine leidende.48 Eberle konnte diesen Grundsatz nicht mehr beherzigen.

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