Es war schon die Rede von den frühen therapeutischen Maßnahmen, bei denen der Magen das Ziel war. Nicht nur dort gab es solche Eingriffe, sondern eigentlich an allen Körperhöhlen, die man einigermaßen bequem von außen erreichen kann. Beim Darm war das nicht anders, scheint er doch für Einläufe und Ausspülungen aller Art wie gemacht zu sein. Hier soll gar die Natur das Beispiel geliefert haben; über das Clystier heißt es in Zedlers Universal Lexicon aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Ist eine Formul eines äußerlichen flüßenden Medicaments, welches um vielerley Nutzens willen vermöge einer Röhre oder Spritze in den Mast-Darm gespritzet wird. Die Erfindung dieser Artzeney schreibet man dem schwartzen Storche zu, welcher sonst Ibis genennet wird. Dieser soll, wann er verstopfft ist, ans Meer gehen, den Schnabel voll Wasser nehmen, sich solches durch den Hindern in die Gedärme spritzen und dadurch den Leib öffnen.65
Diese Klistiere gab es seit den frühesten Zeiten - ihr Gebrauch im Laufe der Geschichte würde Stoff für ein eigenes Buch liefern. Auch diese Therapieform hatte zumindest zeitweise eine eher kosmetische Bedeutung, wie die Magenbürsten, an die das Verfahren erinnert. Für Ludwig XIV. gehörte das Klistier zur täglichen Gesundheitspflege, man verstand es sogar, die demonstrative Klistierbeflissenheit, die die höfische Mode forderte, mit ebenso betonter schamhafter Verhüllung zu verbinden. Auch dieses Ziel wurde am Hof von Versailles erreicht: "Madame la Dauphine", die Schwiegertochter Ludwigs XIV., brachte es fertig, sich im Salon in Gegenwart des Königs durch ihre Kammerfrau in aller Heimlichkeit ein Klistier unter die Röcke schieben zu lassen.66
Neben dem Hervorrufen einer Darmentleerung und der damit verbundenen Reinigung der Eingeweide, die man sich davon versprach, wurden Klistiere gezielt therapeutisch eingesetzt, etwa bei der Behandlung der Ruhr. Oder zur Ernährung von Patienten, die an schmerzhaften Erkrankungen des Mund- und Rachenraumes, der Speiseröhre oder des Magens litten, die eine Nahrungsaufnahme auf normalem Wege unmöglich machten. Man füllte lauter nahrhafte Leckereien in die Klistierspritze, Gerstensuppe, Rind- oder Kapaunenfleisch, Kuhmilch, Wein, Rosenzucker, Eigelb und so fort, und erhoffte von dieser Form der Fütterung, daß sie dem Kranken zugute kommen möge. Zumindest wenn man gewisse Grundregeln nicht außer acht ließ: Man muß sie aber setzen, nachdem sich der Cörper zuvor aller Unreinigkeiten entlediget, oder wenn die Patienten schlaffen, damit sich der Unrath nicht mit dem Clystier vermischen und dieses verunreiniget werde.67
Wenn Sie sich inzwischen fragen, was dies alles bitteschön mit dem Pankreas zu tun haben möge: Sie haben recht, gar nichts.
Bis zum Jahre 1872, als sich Wilhelm Olivier von Leube das gleiche Problem stellte, nämlich Patienten zu ernähren, bei denen es auf dem üblichen Wege nicht geht. Leube fragte sich, ob die seinerzeit gebräuchlichen Nährklistiere überhaupt ihren Zweck erfüllen können.
In solchen Fällen war es durchaus plausibel, statt des gewöhnlich benützten oberen Endes das unterste Stück des Verdauungstractus zu wählen.68 Die Frage war nur, ob die Nahrung von dort in den Körper aufgenommen werden kann. Man wußte inzwischen einiges über die Verdauungssäfte, vor allem, daß im Dickdarm kein Sekret abgesondert wird, das imstande wäre, eine derart zubereitete Komplettmahlzeit zu verdauen, bei der nur die Darreichungsform verhinderte, daß sie einem auf den Magen schlug. Dass endlich 1/2 - 1 Liter ins Rectum eingespritzte Fleischbrühe grossen Nährwerth besitze, glaubt wohl Niemand im Ernste.
Es gab bereits einige Vorschläge für Nährklistiere, bei denen dieses Problem umgangen werden sollte. Man wollte Eiweiße durch künstlich bereitetes Pepsin vorverdauen, damit die so gebildeten Spaltprodukte, die Peptone, um so besser im Dickdarm resorbiert werden könnten. Von Fleischsaft, durch Auspressen von Fleisch gewonnen, versprach man sich einiges.
Für Leube kam dies alles nicht in Frage. Aus praktischen Gründen, die er, wenn er seinen Patienten helfen wollte, nicht aus den Augen verlieren durfte. Eine Peptonlösung herzustellen war viel zu kompliziert und umständlich: Es ist ganz unmöglich, dass die Zubereitung der Peptonlösung durch die Angehörigen des Patienten etwa in der Küche geschieht, da schon das kleinste Versehen in der Regulirung der Temperatur den ganzen künstlichen Verdauungsprocess zu Grunde richtet. Die Ärzte wären zu beschäftigt, die Apotheker nicht kompetent genug. Der Fachmann wisse, welche minutiöse Sorgfalt bei diesem Geschäfte nothwendig ist und wie wenig andererseits von Leuten, die sich nicht stark für die Sache interessiren, billigerweise verlangt werden kann. Zudem käme die Bereitung der Peptonlösung in der Apotheke enorm hoch. Ähnlich verhielte es sich mit dem Fleischsaft, aus einem Kilogramm Fleisch erhalte man vielleicht 1/4 Liter Saft, worin nur soviel Eiweiß enthalten sei wie in 84 Gramm frischen Fleisches, dafür einen Gulden zu zahlen, sei wohl etwas zu teuer.
Man stelle sich vor, ein designierter ordentlicher Professor und Klinikdirektor, der zu einem der angesehensten Internisten werden sollte, machte sich Gedanken um die Haushaltskasse seiner Patienten, und das anno 1872, wo es keine gesetzliche Krankenversicherung gab und so wie so in aller Regel nur betuchte Menschen in den Genuß eines Arztes gekommen sind.
Leubes Problem bestand darin, die Nahrung in einer gut verträglichen Form, praktikabel und kostengünstig dazu, in den Darm einzuführen, und zwar so, daß sie dort resorbiert werden kann. Und welches Organ konnte hier besser assistieren als das vielseitige Pankreas, das einzige Organ, dessen Sekret auf alle Nahrungsbestandteile wirkt. Das Pankreas konnte die Verdauungsarbeit leisten, zu der der Dickdarm allein unmöglich fähig war.
Weil sich die Erzeugung künstlicher Verdauungsprodukte außerhalb des Körpers als zu kompliziert erwiesen hatte, verlegte Leube den gesamten Prozeß in den Körper. Er mischte einfach feinzerschabtes Fleisch mit Pankreasdrüsenhack, das ergab einen Brei von einer sehr brauchbaren Konsistenz, gerade richtig für diesen Zweck, und den spritzte er seinen Kranken. Er konnte meistens davon ausgehen, daß das Klistier lange genug im Mastdarm blieb, ohne Reizungen oder gar Durchfälle zu verursachen. Die Drüsensubstanz konnte das Fleisch im Körper des Patienten verdauen, um die Einhaltung der richtigen Temperatur brauchte man sich nicht zu sorgen, und die Nährstoffe wurden auf diesem Weg resorbiert. Leube hatte es akribisch getestet, im Tierversuch und am Krankenbett. Das ließ sich messen, auf diese Weise konnte dem Kranken nachweisbar Nahrung zugeführt werden, über einen langen Zeitraum, ohne daß die Lebensmittel durch die Speiseröhre und den Magen hindurch mußten.
Es war nicht teuer, und es war einfach. Jede gestandene Hausfrau konnte ein solches Klistier bereiten. An hilfreichen Tips ließ Leube es in keiner Hinsicht fehlen: Man bekommt die für den Schlächter ziemlich werthlose Drüse (sie wird vom Schlächter bis jetzt zum Gekrösfett geworfen oder man benützt sie wohl auch in unserer Gegend zur Herstellung von Fleischbrühen) jederzeit leicht im Schlachthause, wenn man die "hinter dem Magen gelegene Bauchdrüse" verlangt. Hierzulande heisst sie wohl auch "Bauchbriesel".
Dieser Arzt verkörperte Erfindergeist. Denn was nützt die beste Idee, der genialste Einfall, wenn man sie nicht umsetzen kann. Leube lieferte immer beides. Egal, ob es um die beste Therapie für seine Patienten ging, ob ein technisches Problem seine Arbeit zu behindern drohte, Leube suchte einen Ausweg. Es gab einige technische Schwierigkeiten zu bewältigen. Das fing mit den notwendigen Tierversuchen an, die Leube anstellte, um herauszufinden, ob sein Verfahren funktioniert. Um etwas über die Eiweißverdauung sagen zu können, mußte Leube den Stickstoffhaushalt untersuchen. Eine Idee, die von Liebig stammte, je mehr Eiweiß aufgenommen wird, desto mehr Stickstoff läßt sich im Harn nachweisen. Bei seinen Patienten war diese Kontrolle einfach, die gaben ihren Urin freiwillig her. Von den Hunden im Labor konnte man das nicht behaupten. Sie wurden gewöhnlich in eckigen Holzkäfigen gehalten, die nach einer Seite hin mit einem Gitter versperrt waren. Das brachte einige Schwierigkeiten mit sich, weil Hunde nun einmal zu gerne an Wände urinieren, wo der Harn dann teilweise kleben bleibt. Leube brauchte aber den gesamten Urin, um genaue Ergebnisse zu erhalten. Schlimmer, er mußte die leidvolle Erfahrung machen, dass es den männlichen Hunden zuweilen ein ganz besonderes Vergnügen zu machen scheint, zwischen den Stäben, welche die vordere Wand des Käfigs bilden, durchzupissen. Die Lösung war brillant. Ein umfunktionierter gläserner Schwefelsäureballon, auf den Kopf gestellt, ein ovaler Hundestall mit einem kleinen Gitter am Boden. Jetzt konnten die Tiere pinkeln wohin sie wollten, der Urin floß komplett in das darunter aufgestellte Gefäß. Die Einstiegsöffnung war wohlweislich so hoch angebracht, daß das Tier keine Chance mehr hatte, seinen Harnstrahl aus dem Käfig hinaus ins Freie gehen zu lassen, da seine Urethralöffnung, selbst wenn es sich auf die Hinterfüsse stellt, nicht bis zum Ausschnitt der Flasche heraufgebracht werden kann. Das war nicht alles, auch die Klistierspritze erfuhr durch Leube notwendige Modifikationen. Das Befüllen der Spritze war Leube zu umständlich, außerdem mußte ein recht hoher Druck ausgeübt werden, um die Masse aus dem Clysopomp herauszubringen. Deshalb erfand er eine neuartige Druckspritze, mit der diese Probleme gelöst wurden. Der zylindrische Behälter wurde hochkant auf dem Tisch festgeschraubt, man brauchte nur den Kolben hochzuheben, um die Masse bequem einzufüllen. Der nötige Druck ließ sich mühelos durch die Hebelwirkung erzeugen, durch einen langen Schlauch konnte das Klistier verabreicht werden, ohne daß, wie bei den üblichen Spritzen, dem Patienten eine Verletzungsgefahr durch das Setzen des Klistiers drohte.
Der Gedanke, die Pankreasverdauung in den Mastdarm zu verlegen, der hatte etwas. Leube war damit der erste Deutsche, der Pankreassubstanz therapeutisch einsetzte. Übrigens, Leube und Kühne kannten sich, letzterer hatte für die entsprechenden Versuche sein Labor zur Verfügung gestellt. Da erübrigt sich die Frage, warum Leube wie selbstverständlich von einer Wirkung des Pankreas auf alle drei Nahrungskategorien ausging und diese gezielt einsetzte. Wenn schon keine Behandlung des Pankreas intendiert war, eines zeigten Leubes Versuche überdeutlich: Die Wirkung der Wunderdrüse war so groß, daß man tage-, ja wochenlang auf ein für so wichtig erachtetes Verdauungsorgan wie den Magen vollständig verzichten konnte. Das versprach mehr.