Beim Reizdarmsyndrom liegt eine Störung der Darmfunktion vor, die zu Bauchschmerzen, Völlegefühl, Blähungen und zu Stuhlunregelmäßigkeiten wie Durchfall oder Verstopfung führen kann. Bis heute konnte keine organische Ursache für die Erkrankung nachgewiesen werden. Bei der Untersuchung des Bauchs und des Dickdarms des Reizdarm-Patienten findet der Arzt in der Regel keinen krankhaften organischen Befund. Auch die Blutwerte sind unauffällig. Dennoch kann das Reizdarmsyndrom die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken und zu häufigen Krankschreibungen und in Extremfällen sogar zur Frühberentung führen. Fest steht jedoch, dass das Reizdarmsyndrom die Lebenserwartung nicht beeinträchtigt und dass Reizdarm-Patienten kein erhöhtes Risiko für Dickdarmkrebs oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen haben.
Für die Entstehung eines Reizdarmsyndroms scheinen verschiedene Mechanismen eine Rolle zu spielen. Die Darmwand enthält viele feine Nervenäste, die die Darmmuskulatur kontrollieren. Bei Reizdarm-Patienten sind diese Nerven ungewöhnlich empfindlich, so dass der Darm auf ganz normale Vorgänge wie die Passage von Gas oder Flüssigkeit überreagiert und der Betroffene Schmerzen wahrnimmt. Die Muskeln in der Darmwand sorgen dafür, dass sich der Darm regelmäßig zusammenzieht und wieder erschlafft, was den Speisebrei weiterbefördert. Die Kontraktion der Darmmuskeln kann bei Reizdarm-Patienten krampfartig und anhaltend sein, ähnlich wie bei Krämpfen, die bei Sportlern in den Beinen auftreten. Dies kann nicht nur Schmerzen hervorrufen, sondern auch zu Verdauungsstörungen führen. Nicht selten nehmen Reizdarm-Beschwerden in Stress- und Konfliktsituationen zu.
Besonders unangenehm sind die Schmerzen, die überall im Bauch auftreten können und die sich manchmal nach dem Abgang von Stuhl oder Darmgasen bessern. Viele Reizdarm-Patienten klagen auch über Völlegefühl und Blähungen. Typisch sind Verdauungsstörungen wie chronische Verstopfung oder Durchfall. Manchmal wechseln sich Verstopfung und Durchfall auch in rascher Folge ab. Manche Reizdarm-Patienten haben nach dem Stuhlgang das Gefühl, dass der Darm noch nicht komplett entleert ist. Gelegentlich leiden Reizdarm-Betroffene unter Übelkeit. Nachts treten in der Regel keine Beschwerden auf. Es gibt eine Reihe von Symptomen, die sich nicht auf ein Reizdarmsyndrom zurückführen lassen und die umgehend von einem Arzt abgeklärt werden müssen. Zu diesen Symptomen zählen Blutabgang mit dem Stuhl, Gewichtsverlust und Fieber.
4. Wie diagnostiziert der Arzt das Reizdarmsyndrom?
Grundlage der Diagnostik sind eine genaue Anamnese (Erfragen der Krankengeschichte) und eine gründliche körperliche Untersuchung. In der Regel wird der Arzt verschiedene Bluttests durchführen und den Stuhl untersuchen. Je nach Alter, Allgemeinzustand und medizinischer Vorgeschichte des Patienten können weitere Untersuchungen (z. B. Ultraschall, Röntgen, Darmspiegelung) sinnvoll und notwendig sein, um schwere organische Erkrankungen auszuschließen.
Fast 10% aller Deutschen haben eine so genannte "Laktose-Intoleranz". Das ist eine Erkrankung, die durch eine Unverträglichkeit von Milchzucker gekennzeichnet ist. Dem Patient fehlt das Milchzucker-verdauende Enzym Laktase. Je nach Ausmaß des Defizits verträgt der Erkrankte unterschiedliche Mengen von Laktose. So kommt es z.B. nach Genuss von Milchzucker-reichen Speisen zu ähnlichen Symptomen (Schmerzen, Blähungen, Durchfall) wie beim Reizdarm. Laktose ist nicht nur Bestandteil von einigen Nahrungsmittel, auch Arzneimittel können als Hilfsstoff Milchzucker enthalten.
6. Ist das Reizdarmsyndrom eine ernste Erkrankung?
Es ist gut zu wissen, dass das Reizdarmsyndrom die Lebenserwartung nicht einschränkt und dass die Betroffenen nicht mit chronischen organischen Komplikationen rechnen müssen. Allerdings ist die Belastung durch das Reizdarmsyndrom von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. In manchen Fällen sind die Beschwerden (zeitweise) so stark, dass die Leistungsfähigkeit der Betroffenen und damit auch die Lebensqualität deutlich eingeschränkt sind.
7. Haben Reizdarm-Patienten ein erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken?
Nein. Das Krebsrisiko ist bei Reizdarm-Patienten nicht höher als bei anderen Menschen. Vorsorgeuntersuchungen müssen deshalb bei Reizdarm-Patienten nicht häufiger durchgeführt werden als bei Gesunden.
8. Hat die Ernährung einen Einfluss auf den Reizdarm?
Ob und wie die Ernährung Reizdarm-Symptome verschlimmert, muss jeder Patient für sich persönlich herausfinden. Es gibt keine Ernährungsempfehlungen, die generell für alle Reizdarm-Patienten gelten. Jedoch ist bekannt, dass sehr fettreiche Lebensmittel Symptome auslösen können. Dasselbe gilt für Nahrungsmittel, die Natriumglutamat enthalten. Bei vielen bessert sich die Darmstörung, wenn die Ernährung allmählich ballaststoffreicher gestaltet wird – andere vertragen ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Obst und Gemüse gerade nicht. Es ist sehr hilfreich, ein Ernährungstagebuch zu führen, in dem genau festgehalten wird, wann was und in welcher Menge gegessen und getrunken wurde und ob danach Beschwerden auftraten. So kann man individuellen Empfindlichkeiten auf die Spur kommen und unverträgliche Lebensmittel in Zukunft meiden.
9. Können Stress und seelische Belastungen ein Reizdarmsyndrom auslösen?
Angst, Konflikte und Stress sind zwar nicht die Ursache eines Reizdarmsyndroms, sie können jedoch die Beschwerden verschlimmern. Der Verdauungstrakt von Reizdarm-Patienten reagiert auf äußere Stressfaktoren besonders sensibel. Umgekehrt lassen Reizdarm-Symptome im Urlaub und in entspannten Situationen oft nach und nachts sind Reizdarm-Patienten in der Regel beschwerdefrei.
Zwischen dem emotionalen Befinden eines Menschen und seinen Darmnerven besteht eine komplizierte Wechselwirkung. Krisensituationen wie eine bevorstehende schwierige Prüfung, Arbeitslosigkeit oder Tod eines Angehörigen schlagen den meisten Menschen "auf den Magen" oder führen zu Durchfall oder Verstopfung. Noch sensibler reagieren Patienten mit einem Reizdarmsyndrom auf solche Belastungen: Ihre Beschwerden verschlimmern sich mit hoher Wahrscheinlichkeit, wenn sie Stress und seelischen Konfliktsituationen ausgesetzt sind.
11. Welche Behandlung eignet sich beim Reizdarmsyndrom?
Hat der Arzt ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, wird er gemeinsam mit dem Patienten sinnvolle Maßnahmen festlegen. Wichtig ist es, Lebensmittel, die nicht vertragen werden, aus dem Speiseplan zu streichen. Bei vielen Reizdarm-Patienten bessern sich die Beschwerden, wenn sie nach und nach auf eine ballaststoffreichere Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten umsteigen. Manche Patienten reagieren jedoch auf Ballaststoffe ausgesprochen empfindlich, dann ist eine faserarme Ernährung besser geeignet. Eine gesunde Lebensweise mit ausreichend Schlaf, Bewegung und Entspannung bessert die Beschwerden ebenso wie das Ausschalten beruflicher und privater Stressfaktoren. In vielen Fällen hilft es auch, für eine bestimmte Zeit ein krampflösendes und damit schmerzlinderndes Medikament einzunehmen. Bei hartnäckiger Verstopfung, die sich auch durch eine ballaststoffreiche Ernährung nicht bessert, kann ein Abführmittel sinnvoll sein. Abführmittel sollten jedoch nur in Absprache mit dem Arzt eingenommen werden, da sie den empfindlichen Darm zusätzlich reizen könnten. Steht Durchfall im Vordergrund der Beschwerden, kann der Arzt ein spezielles Medikament verordnen.
Reizdarm-Patienten sollten genau überlegen, welche Faktoren in ihrem Leben für Stress sorgen und ob diese Stressquellen nicht wenigstens teilweise abgebaut werden können. Hilfreich kann es sein, eine Entspannungstechnik wie die Progressive Muskelentspannung oder Yoga zu erlernen. Günstig ist es auch, nach einem harten Arbeitstag mindestens eine halbe Stunde "abzuschalten", sei es bei einem Spaziergang, mit Hilfe schöner Musik oder in einem Entspannungsbad.
Psychische Faktoren können manche Menschen stressanfälliger machen und Reizdarm-Beschwerden verstärken. Deshalb hat sich für eine bestimmte Gruppe von Reizdarm-Patienten Psychotherapie als sinnvoll erwiesen. Günstig sind z. B. verhaltenstherapeutische Kombinationsverfahren oder eine psychoanalytische Kurzzeittherapie.