Obwohl das Reizdarmsyndrom zu den häufigsten Erkrankungen des Verdauungstrakts gehört, ist dieses Gebiet noch weitgehend unerforscht. Die Diagnostik ist oft schwierig, weil die Störung mit sehr unterschiedlichen Beschwerden in Erscheinung tritt und damit andere Erkrankungen "nachahmen" kann.
Wichtig ist jedoch, dass Reizdarm-Patienten eine normale Lebenserwartung haben und dass ihr Risiko, an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung oder an Krebs zu erkranken, nicht höher ist als dasjenige der Allgemeinbevölkerung.
Steht die Diagnose "Reizdarmsyndrom" fest, wird der Arzt gemeinsam mit seinem Patienten die Therapiemöglichkeiten besprechen. Eine geeignete Ernährung und ein Abbau von Stressfaktoren wird in vielen Fällen die Beschwerden deutlich bessern.
Darüber hinaus lindern krampflösende Medikamente die Bauchschmerzen und tragen so zu einer besseren Lebensqualität und Leistungsfähigkeit des Patienten bei.
1. Reizdarm – was ist das?
Beim Reizdarm oder Stressdarm liegt eine Störung der Darmfunktion vor. Obwohl bis heute keine organischen Ursachen für das Reizdarmsyndrom gefunden werden konnten, führt die Erkrankung zu einer Reihe von Beschwerden: Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Experten gehen davon aus, dass verschiedene Faktoren zu den Reizdarm-Beschwerden beitragen:
Eine gesteigerte Empfindlichkeit im Magen-Darm-Trakt
Psychosomatische Faktoren
Eine Veränderung der Darmperistaltik (charakteristische Darmbewegung)
Die Darmwand ist mit vielen feinen Nervenästen ausgestattet, die bei Reizdarm-Patienten ungewöhnlich empfindlich sind. Diese Nerven kontrollieren die Muskulatur in der Darmwand, die sich bei jedem gesunden Menschen regelmäßig zusammenzieht und wieder erschlafft, um den Speisebrei durch den Verdauungstrakt zu befördern. Ist die Muskulatur in der Darmwand übermäßig aktiv und neigt sie dazu, sich krampfartig zusammenzuziehen, kann es zu den typischen Reizdarm-Beschwerden kommen. Stress, Hektik und ungelöste Probleme oder Ängste verschlimmern oft die Symptome. In entspannten Situationen – z. B. im Urlaub – sind viele Patienten beschwerdefrei.
2. Reizdarm: Ein häufiges Problem?
Das Reizdarmsyndrom ist fast so häufig wie eine gewöhnliche Erkältung. Schätzungen zufolge leiden mehr als 10% der Bevölkerung an dieser Erkrankung. Am häufigsten ist die Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen betroffen, doch auch Kinder, Jugendliche und Senioren können unter einem Reizdarm leiden. Frauen erkranken häufiger an einem Reizdarmsyndrom als Männer.
Störungen und Erkrankungen, die den Darm betreffen, werden als peinlich empfunden und oft verschwiegen. Deshalb ist die breite Öffentlichkeit auch wenig über das Reizdarmsyndrom informiert und viele Betroffene versuchen lieber, ihre Beschwerden selbst in den Griff zu bekommen, anstatt einen Arzt aufzusuchen. Die Tatsache, dass das Reizdarmsyndrom nach Erkältungen die zweithäufigste Ursache für krankheitsbedingte Arbeitsausfallzeiten ist, zeigt jedoch, dass es sich um ein ernst zu nehmendes Problem handelt!
3. Wie macht sich der Reizdarm bemerkbar?
Bauchschmerzen und -krämpfe gehören zu den häufigsten Symptomen des Reizdarmsyndroms. Die Schmerzen können überall im Bauch und zeitweise im Zusammenhang mit den Mahlzeiten auftreten. Viele Patienten berichten, dass ihre Schmerzen nach der Stuhlentleerung oder nach dem Abgang von Darmgasen nachlassen.
Der Reizdarm kann sich auch durch chronische Verstopfung oder durch chronischen Durchfall bemerkbar machen. Bei manchen Patienten wechseln sich Verstopfung und Durchfall ab – manchmal von einem Tag auf den anderen.
Blähungen, ein Gefühl des Aufgetriebenseins und Übelkeit sind weitere Symptome, die auf ein Reizdarmsyndrom hindeuten können. Manche Patienten haben nach dem Stuhlgang das Gefühl, dass ihr Darm noch nicht vollständig entleert ist.
Wichtig ist, dass beim Reizdarmsyndrom nicht alle genannten Symptome vorliegen müssen. Auch sind die Beschwerden nicht immer gleich stark ausgeprägt: Sie können tage-, wochen- und manchmal sogar monatelang anhalten, um dann für einige Zeit vollständig zu verschwinden. Nachts treten in der Regel keine Beschwerden auf.
Symptome wie Gewichtsverlust, Fieber und Blutbeimengungen im Stuhl sprechen gegen ein Reizdarmsyndrom. Diese Beschwerden können auf eine schwerwiegende organische Erkrankung hinweisen und sollten umgehend von einem Arzt abgeklärt werden.
4. Wie viel Diagnostik muss sein?
Bei Verdacht auf Reizdarmsyndrom wird der Arzt eine sehr sorgfältige Krankengeschichte erheben und genau nach Beschwerden, Ernährungsgewohnheiten, Lebensstil und eventuellen psychischen Belastungen fragen. Eine genaue körperliche Untersuchung schließt sich an.
Eine bestimmte Blutuntersuchung oder einen speziellen Test, der ein Reizdarmsyndrom eindeutig beweisen oder widerlegen würde, gibt es bis heute nicht. Da das Reizdarmsyndrom jedoch eine Reihe von organischen Erkrankungen "nachahmen" kann, führt der Arzt verschiedene Blutunter-suchungen durch, um z. B. entzündliche Erkrankungen auszuschließen. Auch eine Analyse des Stuhls und eine Darmspiegelung sind notwendig. Je nach Art der Beschwerden können weitere diagnostische Schritte wie Ultraschall- oder Röntgenuntersuchungen sinnvoll sein.
Sind organische Erkrankungen ausgeschlossen und hat der Arzt ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, sind wiederholte Untersuchungen überflüssig. Eine erneute Diagnostik ist nur notwendig, wenn neue Symptome auftreten.
5. Was hilft beim Reizdarm?
Steht die Diagnose "Reizdarmsyndrom" fest, sollte die Lebenssituation des Patienten genau analysiert werden: Gibt es besondere Belastungen im Beruf oder in der Familie/Partnerschaft? Ist der Schlaf ausreichend und regelmäßig? Wie steht es mit dem Alkohol-, Nikotin- und Kaffeekonsum? Werden verordnete oder selbst gekaufte Medikamente eingenommen?
Körperliche Bewegung, möglichst an der frischen Luft, ausreichend Schlaf und Entspannungsmethoden wie Yoga oder Progressive Muskelentspannung können wesentlich zum Stressabbau beitragen. Der Genussmittelkonsum sollte auf ein vernünftiges Maß reduziert werden. Patienten, die an Verstopfung leiden, sollten nicht auf eigene Faust und über längere Zeit Abführmittel einnehmen, da diese oft unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Analyse der Ernährungsgewohnheiten: Werden die Mahlzeiten regelmäßig und in Ruhe eingenommen oder hastig hinuntergeschlungen? Ist die Ernährung ausgewogen, abwechslungsreich und vollwertig? Wie hoch ist der Ballaststoffgehalt? Gibt es bestimmte Nahrungsmittel, die die Reizdarm-Beschwerden auslösen oder verschlimmern? Es lohnt sich, über zwei oder drei Wochen ein Ernährungstagebuch zu führen und so einem möglichen Zusammenhang zwischen Ernährung und Beschwerden auf die Spur zu kommen.
Halten die Reizdarm-Symptome trotz eines gesunden Lebensstils und vernünftiger Ernährungsweise an, kann der Arzt ein Medikament verordnen, das krampflösend auf die Darmmuskulatur wirkt und dadurch Schmerzen lindert. Besteht eine hartnäckige Verstopfung, die sich auch durch eine ballaststoffreiche Ernährung nicht bessert, kann ein Abführmittel, das für eine gewisse Zeit eingenommen wird, Abhilfe schaffen. Auch gegen Durchfall gibt es nützliche Medikamente.
Da psychische Faktoren wie Stress und ungelöste Konflikte Reizdarm-Beschwerden verschlimmern können, ist bei manchen Patienten eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt. Als hilfreich haben sich z. B. verhaltenstherapeutische Kombinationsverfahren, eine psychoanalytische Kurzzeittherapie und die Hypnotherapie erwiesen.